Das Ziel ist der Weg

                                         

Manchmal braucht es etwas länger, um zu wissen, was man wirklich will.                              

Elvira Spohr weiß es jetzt.   

Sarah Neuburg, FFH-Radiomoderatorin, trägt im Frankfurt Journal ein grünes Abendkleid von Ellis Schneiderei. Die Frankfurter Rundschau ziert ein großes Foto der Designerin Elvira Spohr. Es scheint, als sei der Knoten bei der 39-jährigen Elvira Spohr  geplatzt.

Doch bis dahin war es ein weiter und langer Weg. „Ich hatte früher Kleidergröße 32/34 und war gezwungen, die Sachen ständig ändern zu lassen.“ Also fing die zierlicheFrau an, Burdahefte zu kaufen und die Schnittmuster nachzunähen. Sie entdeckte die Möglichkeit, sich anders anzuziehen, als ihre Freundinnen. „Es hat mich gestört, wenn jede zweite dasselbe anhat“. Und so machte die gebürtige Russin mit 17 Jahren eine Ausbildung zur Schneiderin. Weil das selbständige Arbeiten in ihrer damaligen Heimat allerdings nicht profitabel gewesen wäre, hat sie aufgrund ihres Interesses an Sprachen ein Germanistikstudium begonnen. Im dritten Jahr merkte sie, dass der Lehrer-Beruf nicht das Richtige für sie ist. Nichtsdestotrotz hat sie das Studium abgeschlossen. Das Entwerfen der eigenen Kleidung lief parallel immer weiter. „Ich war richtig traurig, wenn ich einmal keine Zeit dazu gefunden habe.“

Mit 25 Jahren arbeitete sie für zwei Jahre als Dolmetscherin. In dieser Zeit ist die braunhaarige Frau sehr viel gereist und im Gepäck stets dabei: die Nähmaschine. Elvira Spohr beschreibt es als eine Sucht.

Drei Jahre bei Lufthansa in Kasachstan sowie der Beruf als Reiseguide sollten folgen. Doch beide Jobs waren überwiegend von Papierdingen bestimmt. Und das ist absolut nicht ihr Ding, wie sie sagt. „Jeden Tag das Gleiche zu tun...das ist nicht meine Erfüllung.“

Aber was nun? Das Designen hat sie ständig begleitet. Aber ein eigenes Atelier in Russland – für die damals 31-jährige unvorstellbar. So packte sie ihre Sachen und zog ins entfernte Deutschland. Die Sprache war für sie keine fremde und das Land durch die Arbeit bei Lufthansa auch nicht ganz unbekannt.

„Frankfurt ist einfach eine Traumstadt!“ Nicht nur die Architektur und Kultur fasziniert sie, es ist vielmehr das offene Denken der Menschen. „Man fühlt sich einfach willkommen und nicht so sehr als Ausländer.“

Das, und der Zuspruch von Freunden und Bekannten hat sie zu der Eröffnung ihres eigenen Ladens veranlasst. Wie die stets lächelnde Frau betont, fing sie bei Null an. Zusammen mit ihrem Freund renovierte sie den Laden und ging eigentlich kein Risiko ein. Die Ware hat sie selbst gestellt und die Einrichtung war bezahlbar.

7 Jahre Jahre gibt es den Laden „Ellis Design Schneiderei“ nun. Prinzipiell spaltet er sich in zwei Teile auf. Zum einen die Designarbeiten, zum anderen die Maßschneiderei. Mittlerweile kommt es immer öfters vor, dass sich die Kundinnen ein designtes Stück aussuchen und das dann maßgeschneidert für sich in Auftrag geben. Elvira Spohr nimmt die Maße und benötigt zur Fertigstellung zirka ein bis zwei Wochen. Bei dringenden Anlässen ist das Kleidungsstück auch schon mal innerhalb drei Tagen fertig. Der Hauptkundenstamm ist zwischen 30 und 60 Jahren alt, obwohl die jüngste Kundin 6 und die älteste Mitte 88 ist. Spohr teilt ihre Kundinnen in verschiedene Gruppen ein. „Die einen sind sehr modisch und legen viel Wert auf Einzigartigkeit. Auf einem Ball wollen sie ihr Kleid nur einmal sehen. Die anderen sollen nicht wissen, wo es her und wie teuer es war.“ Auf Kundenwunsch wird dieses Kleid dann auch wirklich nur einmal hergestellt.

Die nächste Gruppe hat aufgrund ihrer Proportionen Schwierigkeiten, Kleidung von der Stange zu kaufen. Die dritte Gruppe braucht besondere Kleidung zu besonderen Anlässen. Und die letzte Gruppe ist die, die einfach überhaupt keine Vorstellung und Ahnung hat. Vor allem hier ist die Beratung der Fachfrau von großer Bedeutung. „Ich mache alles, damit die Frau am Ende glücklich ist. Dabei spielt Ehrlichkeit eine große Rolle.“  Sie bezieht die verschiedenen Faktoren wie Figur, Stoff und Wünsche mit ein und findet zusammen mit der Kundin das Bestmögliche. „Wenn ich für mich selbst nähe, will ich doch auch glücklich und zufrieden sein – und so sollen sich die Frauen auch fühlen.“

Und wer zufrieden ist, erzählt das auch weiter. Insofern war die Designerin mit den stahlblauen Augen noch nicht auf Werbung angewiesen. Die Mundpropaganda reichte völlig aus.

Im Nachhinein ist sie glücklich darüber, da sie viel positive Resonanz von außen erhalten hat. Das Lob benötigt sie auch, wie sie zugibt. „Auf den Messen/Modenschauen habe ich gemerkt, dass ich richtig Erfolg haben werde. Fremde Leute waren wirklich begeistert.

Die Silhouetten sind figurbetont und sehr weiblich. Etui- und Cocktailkleider aus flatternden Stoffen in allen denkbaren Farben. Klassische Kostüme und Tuniken hängen ebenso auf den Kleiderbügeln, wie ein mit Blümchen bedrucktes Minikleid. „Ich mache nur Frauenkleidung, weil es bei den Männern doch immer irgendwie ähnlich ist. Ein Anzug sieht immer wie ein Anzug aus. Da bleibt nicht so viel Platz für Kreativität.“ Sie arbeitet am liebsten mit Chiffon/Seide – und Cashmere Stoffen – aber auch sehr gerne mit Stoffen die Besucherinnen mitbringen

Die Ideen für die Kleidung kommen ihr überall. Sie kommen plötzlich und sind nicht zwingend mit etwas verbunden. Oft hat sie auch zuerst den Stoff und überlegt sich dann einen zu dem Muster passenden Schnitt. Wenn die Idee dann aber erst einmal da ist, geht es schnell. „Das ist doch Kunst. Man hat ein Rohprodukt, aus dem man etwas erschafft.“ Das „Endprodukt“ hat sie nicht im Kopf – es entsteht erst zusammen mit der Kundin oder durch kleine Details wie Rüschen und Bändchen. Da ist die hübsche Frau ziemlich experimentierfreudig. „Egal wo ich bin, ich phantasiere viel.“ Und sie bezieht die Ideen immer auf sich, was die Kleidung umso ehrlicher und tragbarer macht.

Was Elvira Spohr an den deutschen Frauen dennoch sehr schade findet, ist ihr fehlendes Selbstbewusstsein in Sachen Farbe und Form. „Selbst an ihrer eigenen Hochzeit wollen sie es lieber schlicht halten. Das geht doch nicht! Dieser Tag ist einmalig.“ Um jeden Preis nicht auffallen – das ist die typische Deutsche, wie die charmante Frau mit Unverständnis berichtet. In Italien sähen die Frauen wie Blumen aus, so bunt und schön. „Die Kleidung beeinflusst doch auch die Stimmung.“ Ein Grund mehr, wieso sie die gedeckte Farbwahl der deutschen Frauen nicht verstünde.

Dabei hat die Frau, die leidenschaftlich gerne Krimiromane liest, etwas mit diesen Frauen gemein. Zurückhaltend und ein wenig verunsichert in ihrem Tun ist sie auch. „Ich mag es nicht im Rampenlicht zu stehen, aber liebe es, mit meiner Kleidung aufzufallen.“ Sie arbeitet leise und findet es wirklich aufregend so sehr gelobt zu werden. Überhaupt gibt sie zu, ein sehr schüchterner Mensch zu sein, der es mit der Kleidung kompensiert.

Auf die Frage nach ihrem ersten, selbstgenähten Stück, reagiert sie mit Grinsen. Für eine Schulfeier benötigte sie ein schickes Abendkleid. Doch nachdem sie mit ihrer Mutter stundenlang erfolglos durch Geschäfte zog, entschloss sie sich drei Stunden vor Veranstaltungsbeginn ein eigenes Kleid zu machen. „Es war wirklich schlecht verarbeitet, aber meine Freundinnen haben mich alle gefragt, wo ich es gekauft hätte.“

Heute wird sie auch noch oft auf ihre Kleidung angesprochen, die Verarbeitung ist aber weitaus besser geworden.

Lagerfeld und Valentino sind ihre großen Vorbilder. Sie lassen eine Frau immer traumhaft und begehrenswert aussehen, wie sie schwärmt. „Eine Frau muss doch das Bestmögliche aus ihr heraus holen. Vorteile unterstreichen und ihre Nachteile etwas kaschieren.“ 

Durch die positive Resonanz der vergangenen Zeit, schöpft die 1,63 Meter kleine  Frau Mut und Kraft hinsichtlich ihrer Zukunft. Ein neuer, größerer Laden wäre toll. Da der jetzige langsam zu klein für die ganzen Entwürfe wird. Und der absolute Traum von Elvira Spohr: eine Art Minifabrik.  Mit ein paar Näherinnen, die die ungeliebte Arbeit übernehmen würden. „Ich mache nur die schöne Arbeit“, gesteht sie schmunzelnd. „Das Nähen gehört zwar dazu, aber ich liebe einfach die kreative Arbeit, auch am Kunden.“

Bleibt abzuwarten, was wir zukünftig von „Ellis Design Schneiderei“ hören werden. Die Hauptsache aber ist, dass sie sich endlich angekommen fühlt. „Wenn man etwas so sehr liebt und sein Hobby zum Beruf machen kann, dann muss und kann es doch nur gut werden!“


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Anmerkung: dieses Interview/Porträt wurde im April 2008 von Petra Mengler, Modejornallistin aus Düsseldorf, geschrieben und verfasst und in der Fachzeitschrift Textilwirtschaft im Juni 2008 veröffentlich. Wir haben keine Änderung vorgenommen. Mittlerweile hat Elli Ihren neuen Laden seit November 2008 und das anfänglich große Atelier ist nun schon wieder fast zu klein – 2010  wird vergrößert und/oder ein weiteres Atelier eröffnet.

Elli ist seit April 2009 Mitglied im Modekreis Frankfurt e.V.

Ellis Design Schneiderei hat in dieser kurzen Zeit alle Prognosen übertroffen – und ist ein Riesenerfolg geworden!



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